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Deutschland im Herbst 2008, zwei Autoren geben mit ihren neuen Werken Einblicke in eine Welt,
die aus Innen und Außen, Vertrautem und Fremdem, Orten und Menschen besteht. Das Tempo bestimmt von
Gleisen und Zügen. Ankommen und Verpassen.
Martin Bartholmy geb. 1965, schickt in "Mit Karl Napf durch Deutschland.
Geschichten von Städten (Anikkänbrö & Knetemelk, Berlin 2008) seinen Protagonisten auf die Reise
durch 25 deutsche Städte. Frei nach Flaubert - Warum in die Ferne schweifen, und das Gute liegt so
nah! Aufgeräumt, neugierig und den sinnlichen Erfahrungen nicht abgeneigt, macht ein etwa 60 Jahre
alter Mann Beobachtungen und Bekanntschaften, die sich zu einem skurrilen Puzzle deutscher Gegenwarten
verdichten. Fahrradtaufen & das Leben und Denken veganer Studenten werden ebenso beleuchtet wie Obskuritäten
der Lokalgeschichten und merkwürdige Berufsbiografien. Bartholmy, der als Autor und Journalist in
Berlin lebt, schlägt einen scheinbar leichten, etwas spröden Ton an, der die Wirklichkeit mit
einer Schwerelosigkeit abbildet, als wäre sie nicht schwer, sondern vielleicht sogar schön.
Auch im Osten.
Urs Jaeggi geb. 1931 in der Schweiz, zum Leidwesen des Jury-Mitglieds Marcel Reich-Ranicki
Ingeborg-Bachmann-Preisträger 1981, ist als kritischer Linker heute vor allem Insidern der Literaturszenen
bekannt. Als Soziologieprofessor, international erfolgreicher Künstler und Autor ist sein Schaffen
zu komplex, um in den gängigen Schubladen abgelegt zu werden. Große Wirkung hatten vor allem seine
zwischen 1978 und 1987 veröffentlichten Romane "Brandeis, Grundrisse & Rimpler". Sein Nachruf auf die
Studentenbewegung. Ihre Irrungen & Wirrungen.
Im Mittelpunkt von "weder noch etwas" (Ritter Verlag), seinem jüngstem Werk, steht Franz, dem durch den
Mauerfall nicht nur seine Familie, sondern sein ganzer Lebensentwurf verloren gegangen ist. Als ICE-Kellner
und anderen wechselnden Berufen unter Wert rattert er durch eine Welt ohne Fixpunkte. Eine Reise nicht nur
durch sich auflösende Biografien, sondern mit all den trennenden Sprachen in einer auseinanderfallenden
Gesellschaft, die sich nicht mehr versteht.
Im Vorprogramm gibt Rafael Kohn aus der Autorenwerkstatt Textakel in seinem szenischen Text "Lupenrein"
einen Blick in die Hölle von Sierra Leone, die Deutsche im Herzen der Finsternis zeigt.
Als Verbrecher und Gutmenschen. Als Profiteure. Als Gestrandete. Als Verlorene.
Text: Erik Steffen
Links:
:: Urs Jaeggi
:: Hörprobe: U.Jaeggi
:: Leseprobe:M.Bartholmy
:: Anikkänbrö & Knetemelk
:: Ritter Verlag
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